Wäre es höflicher, wenn wir ‚Winemaniac‘ sagen würden?

Der Winzer Mustafa Çamlıca (Weingut Chamlija), dessen Leidenschaft für Wein fast an Wahnsinn grenzt, wurde in Sofia mit dem Titel ‚Bester Winzer des Balkans‚ ausgezeichnet.

Ich sah ihn zum ersten Mal im Garten des Hotels Hyatt Regency in Taksim/Istanbul. An einem kühlen Sommerabend trafen sich einige Geschäftsmänner, die privat Weinsammler waren. Sie luden mich als Gast ein. Ein rundlicher Mann mittleren Alters ließ keinem anderen das Wort und redete ununterbrochen, während er ab und zu eine schlanke und lange Flasche in die Hand nahm. Als er über die Tugenden der gereiften Elsässer Weine sprach, war er so begeistert, dass beinahe Funken aus seinen Augen zu sprühen schienen. Als ich fragte, wer er sei, sagte man mir: „Er ist Finanzwirtschaftler, aber gleichzeitig ist er leidenschaftlich mit Wein verbunden. Und er hat eine hervorragende Weinsammlung.“

So habe ich Mustafa Çamlıca kennengelernt, einen leitenden Angestellten einer der weltweit größten Wirtschaftsprüfungsgesellschaften, Ernst & Young. Wir sind sofort gute Freunde geworden und haben zusammen einige Flaschen aus seiner Sammlung, die sich von den legendären Chateau Petrus zu Dom Perignon, von Opus One zu Penfolds Grange ausbreitet, verkostet. Vor einiger Zeit hat Çamlıca ein Weingut in seiner Heimatstadt Kırklareli gegründet, sozusagen als Frührentner-Projekt –  oder „Zweiter Frühling“-Projekt. Nachdem seine Weine ein bestimmtes Niveau erreicht hatten und obwohl er inzwischen Geschäftsführer bei Ernst & Young in der Türkei geworden war, ging er in Frührente und widmete sich ausschließlich der Weinherstellung. Und seinen Lohn für dieses Abenteuer, das ich seit 20 Jahren sehr nah beobachtet habe, hat er vor einigen Tagen in Sofia bekommen: Sein Weingut ‚Chamlija‘, das er aufgrund der bereits durch den bekannten Brausehersteller ‚Çamlıca‘ patentierten Marke nicht nach seinem Nachnamen hatte nennen dürfen, hat zusammen mit dem bulgarischen Weingut ‚Edoardo Miroglio‘ die Auszeichnung ‚Bestes Weingut des Balkans‘ bekommen.

Alles fing in einem Restaurant in London an

Obwohl Mustafa Çamlıca aus einer Familie stammt, die nach Kırklareli von bulgarischen Stadt Razgrad, die mit ihren Weinbergen bekannt ist, ausgewandert ist, und inmitten von Weinbergen aufgewachsen ist, hat sich seine Leidenschaft für Wein erst spät entwickelt. Als er während der 90er Jahre ein Praktikum in England machte und eines Abends mit seiner Frau ein gutes Londoner Restaurant besuchte, brachte ihn die unhöfliche Behandlung eines Kellners auf, was ihm seine neue Wegrichtung eröffnete, die er bis heute verfolgt: Während er angestrengt versuchte, sich durch die umfangreiche Weinkarte zu arbeiten, derweil ein arroganter Kellner sich nicht die Mühe machte, ihm auszuhelfen, geriet er in Wut und fasste den Entschluss, der Welt der Weine ihre Geheimnisse zu entlocken. So begann er erstens, alles zu lesen, was er zum Thema Wein finden konnte. Zweitens probierte er Weine aus der ganzen Welt, die man in London recht einfach finden konnte.

Als wir uns Anfang der 2000er kennengelernt hatten, hatte er eine Weinsammlung von etwa 2000 Flaschen. Çamlıca hat diese Weine nicht nur getrunken; er sammelte sie auch als Investitionsobjekte. Er sagte dazu: „Man investiert in die großen Weine nicht, um Geld zu verdienen, sondern um sie trinken zu können, ohne Geld dafür ausgeben zu müssen“. So verkaufte er einige Kisten, die in seinem Keller gereift waren, an Londoner Weinliebhaber. Mit dem eingenommenen Geld konnte er jeweils eine Kiste gratis für sich behalten. Für die Londoner Weinhändler war er ein wichtiger Kunde; den Weinhändler Farr Vintners, der in gereifte Weinen spezialisiert ist, brachte er in die Türkei. Als unsere Gastro-Zeitschrift ‚Gusto‘ noch veröffentlicht wurde, brachte er Thomas Hudson, den Geschäftsführer von Farr Vintners, mit türkischen Weinliebhabern zusammen und wir erlebten einen unvergesslichen Abend im Hotel ‚Four Seasons‘.

Je mehr Weltweine Çamlıca probiert hatte, desto größer wurde seine Bewunderung, und ihm kam der Gedanke: „Von der Natur her haben wir in der Türkei keine schlechteren Vorraussetzungen als die anderen, solche Weine herzustellen.“ Der Boden und das Klima waren an einigen Orten hervorragend, aber es fehlte an Willen und Wissen, um diese natürlichen Vorteile mit einem wissenschaftlichen Auge zu betrachten und für die Weinherstellung anzuwenden. Er studierte wie besessen und las alles, was ihm in die Hände geriet: Von Geologiebüchern, die die Eigenschaften guter Weinberge darstellten, bis hin zu Forschungsergebnissen aus den 1930ern über die Weinberge in der Türkei. 2008 schließlich pflanzte er selbst die ersten Rebstöcke an.

Er hat sich zur Mission gemacht, die Rebsorte Papaskarasi zu beleben

Eine Eigenschaft Çamlıcas ist es, die kleinen Feinheiten, die von einigen als unnötige Details gesehen werden können, für wichtig zu erachten. Deshalb hat er an den unteren Hängen des Strandscha Gebirges an dutzenden verschiedener Stellen mit unterschiedlichen Terroir Weinberge angelegt. In diesen teilweise nur mehr „taschentuchgroßen“ Weinbergen hat er bekannte sowie in der Türkei eher unbekannte Rebsorten wie Albarinho, Mavrud, Viognier angepflanzt.

Die ersten Weine, die fast noch experimentell und in kleinsten Mengen hergestellt wurden, kamen 2011 raus. In kürzester Zeit haben die Weine Auszeichnungen erhalten, was Nachfrage aus dem Ausland erzeugt hat.
Motiviert dadurch begann Çamlıca, ‚Papaskarası, die vergessene Rebsorte seiner Heimat, wiederzubeleben und auch die in den Osmanischen Zeiten sehr beliebten Rebsorte Roses und Weißweine zu vinifizieren. Er vinifizerte einen ‚Amber Wine‘, bei dem die Schalen von weißen Rebsorten mit vergoren werden. Weiterhin wagte er marketingtechnische Neuerungen, indem er ‚Double  Magnum‘ (3 l. Flasche) und ‚Imperial‘ (6 l. Flasche) abfüllte.

Obwohl er aktuell über 50 Jahre alt und ein ehemals erfolgreicher Top-Manager ist, hat er sein Ego bescheiden gehalten und auch vor kleinen Zuhörerschaften von nur 5-10 Personen seine Weine mit großer Leidenschaft erklärt und präsentiert.

Bezüglich der bulgarischen Winzer sagt er: „Wir sind Winzer desselben Terroirs, zwischen uns sind nur Gewässer.“ Er hat seinen Kontakt zu ihnen stets aktiv gehalten und verpasste keine einzige Weinmesse in Bulgarien.

Schlussendlich wurden diese Begeisterung, diese Leidenschaft und die Früchte dieser langjährigen Mühen mit der Auszeichnung ‚Das beste Weingut‘ gekrönt.

Mustafa Çamlıca setzt ein interessantes Beispiel für ein Alter, in dem viele ihr Leben „einen Gang runterschalten“, um an einem ruhigen Ort am Strand die Seele baumeln zu lassen. Er hat es gewagt, sich diesem Abenteuer voller Einsatz und Engagement zu widmen.

Während es noch immer weitere „Boutique-Winzer“ trotz der fortgeschrittenen Technologie und dem einfach zugänglichen Wissen “schaffen“, oxidierte Weine herzustellen, hat Çamlıca gezeigt, dass man es auch anders machen kann.

Für den türkischen Originalartikel des bekannten türkischen Weinkenners und Gourmets Mehmet Yalçın: (30.06.2019)
https://t24.com.tr/yazarlar/mehmet-yalcin/winemaniac-desek-daha-mi-kibar-olur,22988

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